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2. Die Sauberkeit des Volkes und der Händler und die hohe Qualität der Waren
Doch das Volk und die Handwerker und Kaufleute in diesen Straßen waren verblüffend sauber. Ein Grund dafür war sicher das Vorhandensein der öffentliche Badeanlagen (hamam). Die Institution des „Römischen Bades“ ging in Mittelalter und Neuzeit verloren und tauchte lediglich in der osmanischen Gesellschaft wieder auf. Während in Europas berühmten Schlössern, wenn schon keine Bäder, so nicht einmal ein WC installiert war, und man allgemein Hausabwässer und menschlichen Unrat mit dem Eimer durchs Fenster auf die Straße schüttete, konnte sich in Istanbul das ärmste Volk in den Bädern am Markt mit viel warmen Wasser waschen. Und da diese Anlagen oft Stiftungen waren, kostete es nicht einmal etwas. Die Fremden wunderten sich darüber so sehr, daß ein Reisender die berühmte Stärke der Türken damit erklärt, daß sie „ihren Körper an allen Stellen waschen“. 3. Die Markt- und Basarordnung
und die Ehrlichkeit des Kaufmanns Die auf Istanbul bezogenen Reisebücher bezeugen gerade diesen Umstand. Genauso wie heute gingen die Touristen zum Einkaufen nicht in den nächstgelegenen Laden sondern in das reiche Handelszentrum des Großen Basars, „Kapali Çarsi“ genannt. Nach unseren Quellen war das Geschäftsleben unter den Dächern dieses historischen Bauwerks auch gleichzeitig ein Beispiel für ganz Istanbul. Zwei Besonderheiten waren für den Großen Basar typisch: zum einen der Reichtum, die Fülle und Auswahl an Waren und zum anderen die Moralvorstellungen, die das Handeln prägten. Es war sogar wichtiger, die guten Sitten, die religiöse Welt der damaligen türkisch-muslemischen Gesellschaft wiederspiegeln, zu bewahren, als Gewinn aus dem Verkauf von Juwelen, Gold- und Silbergerät, Brokat und Kaschmirstoffen zu schlagen. Im Basar verlief das tägliche Leben in einer menschlichen Atmosphäre, in der man mehr als sich selbst, den anderen bedachte und unterstützte. Einige Beispiele, wie Besucher alltäglich Szenen in der moralischen Welt des Großen Basars erlebten: „Das erste Grundprinzip der Handelssitten ist, nicht neidisch zu sein auf den Nachbarn, wenn er ein gutes Geschäft macht, im Gegenteil, sich zu freuen. In dem Fall gilt die Regel und der Glaube „Allah wird mir morgen geben“, was den Fremden ungemein beeindruckt.“ (Briefe vom Bosporus). „Was den Gewinn betrifft, bescheiden zu sein, sich mit wenig zufrieden zu geben, ist ein Grundprinzip, das seit dem Mittelalter bisher gültig ist. Im Großen Basar sind Kaufleute von der Art, daß sie den zweiten Kunden zum Nachbarn schicken, wenn der an diesen Morgen noch kein Geschäft gemacht hat.“ (M. de Gasparin) Ein fester, angemessener Preis war üblich. Früher galt es für einen muslimischen Händler als unanständig, zu feilschen. Der englische Botschaftsattaché und Konsul E.L. Grenville Murray bemerkt im Basar die unterschiedlichen Verhaltensweisen je nach Nationalität des Händlers: der Grieche nennt einen doppelten Preis und beginnt zu feilschen, um auch beim halben Preis noch Gewinn zu machen. Während im türkischen Laden ein Festpreis genannt und nicht gefeilscht wird, so daß die geforderte Summe ohne Vorbehalt zu akzeptieren ist. Diese Notiz dürfte besonders interessant sein, weil sie von einem Engländer stammt, noch dazu von einer Amtsperson. Ein anderer Engländer, der drei Jahre in Istanbul gewohnt hat, Charles White, schreibt, daß im inneren Antiquitätenbasar alle Ladeninhaber Türken waren, und wenn auch der Kunde die Ware vierzig mal umdrehte und mit begehrlichem Blick anschaute, fragte der Kaufmann nur einmal ruhig und höflich: „Was wünschen Sie?“ Während die Armenier im Satinbasar dem Fremden schon beim ersten Eintritt zu mindestens zwanzig auf einmal entgegenstürzten und laut riefen: „Signor! Signor! Capitano! Bursa! Bursa! (1) bella – bella! Fina! ....“
Manchmal, wenn ein türkischer Ladenbesitzer einen hohen Preis verlangt, sagt man: „Fürchtest du dich denn nicht vor Allah?“ und das reicht, daß er den Preis sofort erniedrigt.“ (A. De Valon). In noch früherer Zeit war es üblich, daß alle Händler im Basar, ob Muslim oder nicht, still auf ihren Hockern saßen und nur antworteten, wenn der Kunde etwas fragte. Der Architekt Marchebeus aus Paris schreibt, daß die Verkäufer sogar, ohne untereinander zu reden, bewegungslos wie die Vasen und Lampen in ihren Regalen dasaßen. Der Pater A. de la Motraye, der am Ende des 17. Jahrhunderts 14 Jahre lang in der Türkei verbrachte, hat in all der Zeit kein einziges Mal von einem Diebstahl gehört. Er habe in Istanbul in Frieden und Sicherheit gelebt. Der berühmte Reisende beschreibt einen Zustand, nach dem wir uns heute sehnen. Nicht nur ihm, auch seinen Bekannten sei es passiert, daß sie im Großen Basar das Portemonnaie oder eine wertvolle Sache vergessen oder fallengelassen bzw. aus Versehen zu viel bezahlt hatten. Doch die Ladenbesitzer hatten in den meisten Fällen, obwohl sie nicht einmal deren Namen gewußt hatten, die Fremden nach deren Kleidung in den Pensionen in Beyoglu suchen lassen und ihnen das Geld gebracht. Einmal hatte Motraye selbst seine Uhr in einem Laden vergessen, wo Sommerfächer für Herren verkauft wurden. Er glaubte, seine Uhr irgendwo fallengelassen zu haben. Da er an jenem Tag türkische Kleidung angehabt hatte, ließ ihn der Händler nicht suchen, denn es wäre unmöglich gewesen, ihn zu finden. Als er nach drei Wochen wieder in den Basar ging, erkannte ihn der Kaufmann, bat ihn in den Laden und händigte ihm seine Uhr aus. Der Verfasser gibt im 2. Band seines Werkes zusammen mit dem Bild des interessanten Sommerfächers diese Erinnerung wieder. „Die Sitte, sich um den nahenden Kunden nicht zu kümmern, ihn frei zu lassen, resultiert aus orientalischer Bescheidenheit. Doch ist dieser Brauch im Vergleich zu dem kundenverjagenden Gebaren anderer Händlertypen auch das klügere kaufmännische Verhalten, weil der Kunde in Ruhe an der Ware Gefallen finden und sich zum Kauf entschließen kann“ (A. Smith).
Noch verwunderter war er, als er eine hübsche Brieftasche kaufen wollte und ihm der Ladenbesitzer erklärte, beim Nachbarn gäbe es eine noch bessere. „Die Händler im Großen Basar waren bekannt für ihre starke Bindung an Sitten und Gebräuche. Deshalb weigerten sie sich lange, die neue Kleidung, Fez und Hose, die durch die Reform Mahmuds II. vorgeschrieben wurde, gegen die alten feierlichen Kleider einzutauschen.“ (J.M.J.J. von Gaver) Doch den sich verändernden, starken gesellschaftlichen Bedingungen kann niemand lange widerstehen. So beobachtet man ab der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts im Großen Basar den Wandel und die Zerstörung des ideellen Gebäudes. Mit den Errungenschaften, die die moderne Zeit brachte, sind auch viele alte Werte verlorengegangen. (1) aus Bursa kamen die feinen Seidenstoffe. |