|

Die Landschaft der Türkei gleicht einem
herrlichen, Jahrhunderte alten Kelim, dessen in allen Farben
leuchtende Motive über die Zeiten hinweg zu höchster Vollendung
gereift sind. Bei einigen häßlichen Flecken auf diesem Meisterwerk
in Form verkarsteter Landstriche und nackter Berge rufen Sie sich
bitte in Erinnerung, daß durch dieses Land so viele Völker und
Heerscharen gezogen sind wie sonst nirgendwo auf der
Welt.
Genau wie in den weiten Vereinigten
Staaten überziehen alle Arten geographischer Zonen das Land. Bei
einem Querschnitt von Ost nach West begegnen Ihnen rauhe,
schneebedeckte Berge mit langen, kalten Wintern; Hochebenen, wo die
Frühlingszeit mit ihrem überwältigenden Reichtum an wilden Blumen
und den talwärtsrauschenden Bergbächen in den kühlen
Hochgebirgssommer übergeht; Hügelketten und Steppen, Weizenfelder
soweit das Auge reicht; die am Himmel aufsteigende Sonne, die
steilen Felsen, die sich dabei mit goldenen, violetten, samtgrauen
Farbtönen schmecken; magische Landstriche mit Feenkaminen und
Berghängen voller Höhlen; warme, fruchtbare Täler zwischen reich
begrünten Berghängen, die sich zu der mit ihren vielen Buchten einer
Häkelspitze gleichenden Ägäisküste hinabziehen. Alle vier
Jahreszeiten, Topographie und Natur in jeder Gestalt mit Ausnahme
der Polargebiete und des Regenwaldes finden Sie gleichzeitig in
diesem Land.

Ein weiterer Querschnitt,
diesmal von Norden nach Süden: die von den nordanatolischen Bergen
umschlossenen Haselnuß-, Mais- und Teeplantagen (übrigens wird der
Genuß von Tee sicher auch für Sie zu einem erfreulichen, sich
mehrmals täglich wiederholenden Ritual werden) an der
nebligmildwarmen Schwarzmeerküste; serpentinenreiche Straßen führen,
begleitet von atemberaubenden Ausblicken auf das wilde Schwarze Meer
mit seiner reichen Unterwasserwelt, über steile Pässe und Hochalmen
die Südhänge der Berge hinab vorbei an Obstplantagen und münden in
die riesige Konyaebene; das Taurusgebirge, dichter Nadelwald,
struppiges Maquis, Lorbeer und Oregano am Mittelmeer; in östlicher
Richtung vorbei an Bananenplantagen und Baumwollfeldern folgt die
einsamste Gegend der Türkei. Die Erde wird Ihnen dabei ihr
formenreiches Gesicht, das viele Zivilisationen in Einklang mit der
Natur gestaltet haben, in allen Farbtönen zeigen. Kurz: alle zwei
bis vier Stunden werden Sie sich in einer anderen Szenerie mit
anderen Temperaturen, anderer Höhe, anderer Flora und Fauna
wiederfinden. Das Landschaftsbild zeigt die Eigenschaften der drei
Kontinente Europa, Asien und Afrika. Die ökologische Artenvielfalt
übertrifft die aller anderen Länder im Bereich des 40. nördlichen
Breitengrades. Sie ist ohne Zweifel auf die Vermischung der vielen
Tierarten zurückzuführen, bevor sich die Landmasse in der
geologischen Geschichte teilte. Die Zugvögel auf ihrer Wanderroute
erinnern zweimal im Jahr an den Rhythmus der Natur. Schwalben- und
Storchenschwärme bieten dem Betrachter auf dem Camlica-Hügel in
Istanbul ein herrliches Bild. Flamingos nisten in den Flußtälern der
Ägäisregion und des Mittelmeergebietes. Sollten Sie zufällig einmal
in einer warmen Frühlingsnacht Anfang Mai in Dalyan (oder an einem
anderen der siebzehn Mittelmeerstrände) sein, sollten Sie wissen,
daß Sie die Dünen mit einem der liebenswertesten und scheuesten
Lebewesen, der Meeresschildkröte, teilen, die um diese Zeit hier
ihre Eier ablegt. Der Strand muß deshalb nachts im Dunklen liegen,
und Sie sollten mit Rücksicht auf die bald ausschlüpfenden kleinen
Lebewesen vermeiden, im Sand zu graben.
Die Türkei ist wegen ihrer reichen Flora
und Fauna für Getreide (Weizen und Gerste) und Zierpflanzen
(besonders die Tulpe) ein genetisches Zentrum. Fast alle
Kulturtulpen wurden in der Türkei gezüchtet und um 1600 nach Wien
gebracht. Die Tulpe avancierte in der nach ihr benannten
historischen Epoche in der Türkei, der 'Tulpenzeit', zur
beliebtesten Blume Hollands und Englands, wo 1634 die 'Tulpomanie'
ausbrach.
Auch beliebte Kernobstsorten wie die
Kirsche, die Aprikose, die Mandel und die Feige stammen aus der
Türkei. Unsere Vorfahren sollen von verschiedenen Teilen des
Erdballs stammen, in erster Linie jedoch aus Afrika. Aber wie dem
auch sei - das klassische Bild von Adam und Eva, bekleidet mit dem
berühmten Feigenblatt, gibt der Überlieferung, in der Türkei habe
der Garten Eden gelegen, recht...
|